Filmkomponist Matthias goes East

Filmkomponist Matthias goes East

GESCHICHTEN ERZÄHLEN OHNE NERVIGE WORTE

Interview von Timo Landsiedel

Heutzutage ist Talent nicht zwangsläufig gleich Erfolg. Meist bedarf es einer großen Portion Idealismus, noch mehr Leidenschaft und einem schier unglaublichen Durchhaltevermögen. Von allem hat Andre Matthias reichlich. Seit 1999 komponiert er überwiegend für unabhängig finanzierte Filme professionelle Filmmusik.

Jetzt zahlt sich für den 34-jährigen Hamburger, der Musikwissenschaften mit Schwerpunkt Komposition studiert hat, die unermüdliche Arbeit aus. Im Jahre 2006 komponierte er die Musik für den Hongkong-Film Die Reise des chinesischen Trommlers (engl. Titel: ‘The Drummer’ – mit Jackie Chans Sohn Jaycee in der Hauptrolle) von Kenneth Bi (“Rice Rhapsody”). Für den Soundtrack war Matthias im Frühjahr 2008 für den ‘Hong Kong Film Award’ in der Kategorie ‘Beste Original Filmmusik’ nominiert.

Seit 1. Januar 2009 läuft der Film auch in den deutschen Kinos. Instant News sprach mit dem Hamburger Komponisten über seine Begeisterung für Filmmusik, die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte der Musik zu ‘Die Reise des chinesischen Trommlers’ und seine Arbeitweise.

INSTANT NEWS: Wie hat das alles angefangen? Wie bist du zur Filmmusik gekommen?

ANDRE MATTHIAS: Streng genommen ist die Filmmusik zu mir gekommen, einfach durch Filme, die ich gesehen habe. Ich fand als Filmfan einfach die Musik toll. Und ich dachte so: “Prima, das möchte ich auch machen.” Ich habe dann ziemlich spät – ich war 12 oder 14 – beschlossen, ich muss auch was dafür tun, zumindest mal Klavierunterricht nehmen. Die ersten Kompositionen während der Schulzeit waren dann auch Klavierstücke. Das war aber alles schon sehr von der Filmmusik beeinflusst – einfach weil das die Musik war, die ich selber immer gehört habe.

IN: Warum komponierst du gerade Filmmusik? Was fasziniert dich daran?

AM: Die Unvorhersehbarkeit. Ich habe Filmmusik teilweise gehört, ohne die Filme zu kennen. Die Musik erzählt quasi irgendwas, und du weißt nie, was als nächstes kommt – vor allem, wenn du den Film nicht kennst. Und das ist wie Geschichten erzählt kriegen, nur ohne nervige Worte. Ich finde es tatsächlich heute noch klasse, das im Zusammenhang zu hören. Das ist dann vielleicht noch zu 50 Prozent nostalgisch, aber dann eben jetzt kombiniert mit dem Wissen darum, was die Musik auch für einen Film machen kann. Das ist ein kleines bisschen Magie.

IN: Wie arbeitest du am liebsten?

AM: Am liebsten arbeite ich allein. Natürlich lasse ich mir erzählen, was der Regisseur will. Ich habe durchaus den Anspruch, dem auch gerecht zu werden. Ich mache dann gerne, was ich mir dazu vorstelle und schaue, ob ihm das gefällt oder nicht. Das ist die entspannendste Weise, einfach weil ich immer etwas von meinen eigenen Emotionen da hinein zu bringen versuche. Und das hervorzurufen, ist eigentlich nur dann möglich, wenn ich alleine daran sitze.

IN: Was muss so ein Projekt haben, um dich zu begeistern?

AM: Ich habe ein Faible für tragische oder tragisch-komische Geschichten. Wenn das an mich heran getragen wird, bin ich immer schon ganz happy. Wenn das dann noch Thriller-Elemente hat, dann ist das auch ganz prima. Ich glaube, am schwersten tue ich mir mit Comedy. Die Musik kommt dabei nicht so von Herzen. Ich möchte vor allem die Möglichkeit haben, eigene Emotionen in die Musik zu bringen. Ich schreibe nie Musik und ich will auch nie Musik schreiben aus Eitelkeit oder damit sie bemerkt wird. Die Priorität ist immer, dem Film zu dienen.

IN: Wofür die Musik zu “Die Reise des chinesischen Trommlers” ja gelobt wurde. Wie kam der Kontakt zu Kenneth Bi, dem Regisseur des Films, zustande?

AM: Die Produzentin, Rosa Li – Kenneths Frau -, hatte mich angemailt und sagte, sie wären auf meiner Homepage gewesen und würden sich gern mit mir treffen. Auf der Seite meiner Agentur mx-in hatten sie sich eben ein paar Komponisten rausgepickt aufgrund der Musik, die auf deren Homepages zu hören war. Kurz danach habe ich das Gleiche von meiner Agentur gehört, und ab dem Moment habe ich dann überhaupt erst ernsthaft daran geglaubt, dass das womöglich ein ernsthaftes Projekt sein könnte. Dann habe ich mich mit dem Regisseur, Kenneth Bi, in Berlin getroffen, nachmittags, in einem kleinen Café. Er hat mir seinen Film vorgestellt und er hat mich gefragt, ob es okay wäre, wenn ich ihm ein paar Musikdemos schreibe.

Na klar war das okay für mich. Ich war so begeistert von dem Projekt! Vor allem, weil er mit soviel Leidenschaft dabei war, dass ich dachte “Wow, mit dem will ich arbeiten!” Auch seine musikalischen Ideen konnte ich mir sehr gut vorstellen. Bis auf eine Sache: Er wollte da ein Klavier drin haben. Und ich dachte so: “Wie Klavier?“ Klavier verbinde ich so mit Dramen, die im Inneren spielen und nicht unbedingt mit weiten Hügeln in der sengenden Hitze Taiwans. Ich habe das dann als Nebeninstrument in die Demos eingebaut.

IN: Wie viele Demos hast du dann geschrieben?

AM: Ich habe zwei Demos geschrieben, die anderen Komponisten haben mehr gemacht. Er hat mir das Drehbuch zugeschickt, und ich habe mich bemüht, möglichst schnell zu sein. Ich habe zwei sehr, sehr unterschiedliche Demos geschrieben. Das eine wurde dann tatsächlich das Hauptthema des Films. Wir haben nicht eine Note daran geändert. Es ist sehr melodisch. Und dann als Kontrast zu dem melodisch ansprechenden habe ich noch – weil ich überhaupt nicht wusste, ob das überhaupt die gewünschte Richtung ist – ein zweites, sehr abstraktes Stück geschrieben.

Kenneth meinte später zu mir, ich wäre der einzige Komponist gewesen, der ihm etwas geschickt hat, das eigentlich nicht dem entsprach, was er mir geschildert hatte. Er hat aber gemerkt, dass das funktioniert. Ich war in dem Moment noch der Meinung, ich hätte eigentlich genau das gemacht. Ich bin halt nur nach dem eigenen Empfinden gegangen. Klavier war ja drin. Das spielt mal so einen Akkord im Hintergrund (lacht). Und dann kam irgendwann eine Mail von Rosa, der Produzentin: “Glückwunsch, wir haben uns für dich entschieden.” Und dann brach die Panik eigentlich erst aus. (lacht)

IN: Was war denn der Grund, dass ein chinesischer Regisseur sich ausgerechnet einen deutschen Komponisten gesucht hat?

AM: Also der Film ist eine Hongkong-Taiwanesisch–Deutsche Koproduktion gewesen. Und da ein Teil des Geldes somit aus Deutschland kam, gab es die Auflage, dass ein deutscher Komponist und eine deutsche Cutterin mit dabei sein sollten. Ich bin mir nicht sicher, ob wir darüber überhaupt gesprochen haben. Aber ich hatte für mich auf jeden Fall entschieden, dass ich um Gottes Willen nicht versuchen werde, chinesische Musik zu schreiben. Ich bin nicht in China aufgewachsen. Was auch immer ich mache, es wird irgendwie falsch klingen. Also habe ich nie versucht, dass das asiatisch klingt, was ein bisschen schizophren ist, weil es ja trotzdem so klingt. Also das ist so eine seltsame Mischung. Da hat das Unterbewusstsein mir einen Streich gespielt. (lacht) War ja okay, hat funktioniert.

IN: Wie gestaltete sich denn die Zusammenarbeit mit Kenneth Bi?

AM: Die konkrete Kommunikation während des Drehs lief fast ausschließlich über E-Mail, manchmal über Skype-Gespräche. Er hatte ja das Hauptthema und konnte quasi damit drehen, das ist auch selten. Kenneths Begeisterung, und damit auch meine, hat sich über die ganz Zeit gehalten. Er hat eine sehr poetische Art, Emotionen zu vermitteln. Das ist unglaublich inspirierend.

Woran ich mich noch erinnern kann: Er wollte ein extra Thema haben für die Trommler –eines, welches die Stille und Ernsthaftigkeit ausdrückt. Und die Entwürfe, die dabei entstanden sind, sind letztlich in andere Szenen gewandert. Kenneth bekam Musik von mir und legte sie über andere Szenen, wo sie auch sehr gut funktionierte. Er schickte mir einen kleinen Clip mit der Musik drin und ich war überrascht und dachte: “Ja, funktioniert!” – und habe dann die Musik den Szenen jeweils angepasst. Die Musik übrigens, die ich dann für spezielle Szenen geschrieben habe, war Kenneth meistens zu unauffällig. Vermutlich, weil ich immer noch so den Anspruch habe, nicht zu sehr aufzufallen. Vielleicht ist das auch so ein deutsches Ding, dass man versucht, im Hintergrund zu sein.

IN: Wie hast du davon erfahren, dass du für einen ‘Hongkong-Oscar’ nominiert bist?

AM: Ich glaube, auch das war eine Mail von Rosa oder Kenneth – “Glückwunsch, du bist nominiert.” Ich glaube, ich habe es bis heute noch nicht ganz verstanden. Aber dass es eine Nominierung der Musik war, hat mich sehr gefreut und mir gezeigt, dass all die Arbeit etwas gebracht hat. Und ab dem Punkt war es eigentlich dann auch egal, ob ich gewinne oder nicht. Jetzt verstehe ich auch, was die Leute immer von den Oscars erzählen: “Es ist schon eine Ehre nominiert zu sein.” (lacht) Ich wäre ohnehin der einzige gewesen, der eine englische Dankesrede gehalten hätte. “Gehalten” wäre vermutlich auch das falsche Wort – gestottert trifft es besser.

IN: Gibt es schon ein neues Kinoprojekt?

AM: Es gibt eine Anfrage, aber noch keine Konkretisierung. Das Projekt ist noch in Vorproduktion, und ich habe das Buch gelesen und habe großes Interesse. Wieder eine chinesische Produktion. Aber noch nichts Spruchreifes. Ansonsten habe ich Musik geschrieben für eine Dokumentation des NDR und einen social spot von Rasmus Greiner (Anm.: Regisseur von “Sandzeit”). Außerdem arbeite ich noch an einem Song-Projekt mit einer befreundeten Sängerin. Wir wollen eine CD machen und versuchen, unsere Stile zu kombinieren, was eine sehr spannende Sache ist.

IN: Wirst du auch mit Kenneth Bi wieder zusammen arbeiten?

AM: Ja! Es gibt noch nichts Konkretes, da auch Kenneth noch nicht konkret weiß, was der nächste Film wird. Aber generelles Interesse gibt es, dass er wieder mit mir zusammen arbeiten will. Das ist eigentlich das, was mich am meisten freut. Wir haben während der Arbeit an dem Film eine gute Arbeitsbeziehung aufgebaut, die wir wiederholen möchten. Darauf freue ich mich schon sehr.

IN: Zu guter Letzt noch eine Frage: Du hast lange Jahre unabhängig entstandene Filme vertont. Was fasziniert dich an Indie-Projekten?

AM: Die Liebe zum Film. Und es macht immer Sinn, neue Kontakte zu knüpfen. Außerdem unterscheide ich da nicht zwischen den Kategorien. Das sind erstmal auch Filme, die Musik brauchen. Und das, was sie brauchen, unterscheidet sie ja nicht vom professionellen Bereich. Und die Musik erfüllt dieselbe Funktion, ganz egal, wie die Filme aussehen. Die Musik in Indie-Filmen sollte dasselbe Niveau haben wie bei anderen Projekten.

IN: Ein wunderschönes Schlusswort! Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg!

Für Instant News
Timo Landsiedel